Warum Kondolieren so schwer ist - Die Psychologie
„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll..." – Fast jeder kennt dieses beklemmende Gefühl beim Kondolieren. Dahinter stehen psychologische Mechanismen:
1. Angst vor Fehlern („Saying the Wrong Thing")
Eine Studie von Breen & O'Connor (2007) am University of Western Australia zeigte: 73% der Menschen vermeiden Kondolenzgespräche aus Angst, etwas Falsches zu sagen oder die Trauer zu verschlimmern.
Realität: Trauernde berichten, dass Schweigen & Vermeidung deutlich verletzender sind als unbeholfene, aber ehrliche Worte.
2. Hilflosigkeit & eigene Todesangst
Der Tod konfrontiert uns mit unserer eigenen Sterblichkeit. Psychologen nennen das"mortality salience" (Todesbewusstheit). Das Gehirn aktiviert Schutzmechanismen: Vermeidung, Rationalisierung, Themenwechsel.
Lösung: Diese Reaktion erkennen und bewusst dagegensteuern: „Es ist OK, sich unwohl zu fühlen – die Trauernden fühlen sich noch unwohler."
3. Kulturelle Tabus
In Deutschland herrscht eine „Kultur der Verdrängung" (Kübler-Ross Institut): Tod wird aus dem Alltag verbannt, Sterben ins Krankenhaus/Heim verlagert, Trauer ist „Privatsache".
Folge: Wir haben kaum Übung im Umgang mit Trauer und Kondolenz – anders als in Kulturen mit öffentlichen Trauerpraktiken.
💡 Wichtigste Erkenntnis
Studien zeigen: Trauernde wollen vor allem eines – gesehen und nicht allein gelassen werden. Die perfekte Formulierung ist weniger wichtig als die ehrliche Absicht, Mitgefühl zu zeigen.
Quelle: Lehman et al. (1986) „Social Support for the Bereaved", Journal of Social and Personal Relationships
Was Trauernde wirklich hören wollen - Die Forschung
Die Studie von Dyregrov (2003-2005) in Norwegen befragte 232 Trauernde zu hilfreichen vs. verletzenden Aussagen:
✓ Das hilft wirklich (Top 7)
1. Den Namen nennen
„Ich denke an Anna" statt „Deine Mutter"
(87% fanden das wichtig)
2. Konkrete Erinnerungen teilen
„Ich erinnere mich an den Abend, als..."
(81% empfanden das als wertvoll)
3. „Ich habe keine Worte"
Ehrlich zugeben, dass man sprachlos ist
(79% fanden das authentischer als Floskeln)
4. Physische Präsenz
Einfach dasein, Umarmung anbieten
(92% bewerteten das als hilfreichste Form)
5. Nachfragen Monate später
„Wie geht es dir heute mit..."
(88% fühlten sich dadurch nicht vergessen)
6. Konkrete Hilfsangebote
„Ich bringe am Mittwoch Essen vorbei"
(74% nahmen konkrete Angebote eher an)
7. Trauer zulassen
„Es ist OK zu weinen", nicht ablenken
(83% fühlten sich dadurch verstanden)
✗ Das verletzt (Top 7)
1. „Es wird schon wieder"
Bagatellisiert den Schmerz
(91% empfanden das als verletzend)
2. „Ich weiß, wie du dich fühlst"
Niemand fühlt exakt gleich
(86% fanden das übergriffig)
3. „Sei stark" / „Du musst jetzt..."
Verbietet emotionalen Ausdruck
(84% fühlten sich unter Druck gesetzt)
4. „Wenigstens hatte er/sie ein langes Leben"
Vergleiche helfen nie
(77% empfanden das als Relativierung)
5. „Gott/das Schicksal wollte es so"
Religiöse Erklärungen bei Nicht-Gläubigen
(72% fühlten sich missverstanden)
6. Eigenen Verlust erzählen
„Als meine Mutter starb, war das auch..."
(69% empfanden das als Ablenkung)
7. Ratschläge geben
„Du solltest..."; „Am besten..."
(81% fühlten sich bevormundet)
📊 Zusammenfassung der Studienerkenntnisse
Trauernde wollen keine Lösungen, Ablenkung oder Optimismus – sie wollen:
- → Selbst erzählen dürfen (aktives Zuhören statt Ratschläge)
- → Den Verstorbenen erwähnt sehen (nicht totgeschwiegen)
- → Langfristige Unterstützung (nach 6 Monaten melden alle ab)
- → Ehrlichkeit (auch wenn man keine Worte hat)
Quelle: Dyregrov, K. (2003-2005). "Bereaved Parents' Experience of Research Participation". University of Bergen, Department of Psychology
Verbale vs. nonverbale Kommunikation beim Kondolieren
Die Mehrabian-Regel (1967) besagt: Bei emotionalen Botschaften machen Worte nur 7% der Wirkung aus – 38% sind Tonfall, 55% Körpersprache.
🗣️ Verbale Elemente
✓ Hilfreich:
- • „Es tut mir so leid"
- • „Ich denke an dich/Sie"
- • „Ich bin für dich da"
- • „Ich habe keine Worte"
- • Den Namen des Verstorbenen nennen
- • Konkrete Erinnerung teilen
✗ Vermeiden:
- • Floskeln („Die Zeit heilt alle Wunden")
- • Vergleiche („Andere haben es schlimmer")
- • Ratschläge („Du solltest...")
- • Relativierungen („Wenigstens...")
- • Religiöse Formeln (wenn nicht passend)
🤝 Nonverbale Elemente
✓ Hilfreich:
- • Sanfte Umarmung (wenn angemessen)
- • Hand auf Schulter/Arm
- • Augenkontakt halten
- • Nicken beim Zuhören
- • Offene Körperhaltung
- • Gemeinsam schweigen können
- • Weinen zulassen (auch eigene Tränen)
✗ Vermeiden:
- • Erzwungene Umarmung
- • Wegschauen
- • Ungeduld signalisieren (Uhr checken)
- • Verschränkte Arme
- • Lächeln (außer bei schönem Andenken)
- • Trauer unterbrechen/ablenken
💡 Praxis-Tipp: Die 3-Sekunden-Regel
Studien zeigen: Nach dem ersten Kondolenz-Satz entsteht oft eine Pause. Halten Sie diese 3 Sekunden lang aus – das gibt Trauernden Raum zum Reagieren. Viele füllen diese Stille mit „Es ist OK" oder beginnen zu erzählen.
Die erste Reaktion vieler ist, die Stille sofort zu füllen – widerstehen Sie diesem Impuls!
Kondolieren in verschiedenen Situationen
1. Bei der Trauerfeier/Beerdigung
Timing:
- • Nach der Zeremonie beim Kondolieren am Grab
- • Nicht während der Zeremonie unterbrechen
- • Bei großem Andrang: kurz & prägnant
- • Bei kleinem Kreis: etwas länger OK
Formulierungen:
- • „Mein aufrichtiges Beileid"
- • „In tiefer Anteilnahme"
- • Handschlag oder Umarmung (je nach Nähe)
- • Kurze persönliche Note („Ich denke an die Zeit...")
Quelle: EKD (2019) „Orientierungshilfe zur Bestattungskultur"
2. Persönliches Gespräch (zu Besuch)
Zeitpunkt: 1-2 Wochen nach dem Todesfall ideal (nicht zu direkt, aber zeigt Anteilnahme)
Vorbereitung:
- • Ankündigen („Ich würde gerne vorbeikommen, passt es morgen?")
- • Etwas mitbringen (Essen, Blumen – praktisch statt symbolisch)
- • Keine feste Zeitbegrenzung setzen
Ablauf:
- 1. Kondolieren: „Es tut mir so leid..." + Umarmung
- 2. Zuhören: „Wie geht es dir?" – dann wirklich zuhören!
- 3. Erinnerungen: Nur wenn Trauernde selbst anfängt zu erzählen
- 4. Hilfsangebot: Konkret! („Ich gehe für dich einkaufen")
- 5. Abschied: „Ich melde mich nächste Woche wieder"
💡 Wichtig:
Lassen Sie Stillen zu! Trauernde brauchen keine Dauerunterhaltung – Ihre Präsenz reicht.
3. Schriftlich (Brief, Karte)
Vorteil: Zeit zum Formulieren, bleibt als physisches Andenken, kann mehrfach gelesen werden in schweren Momenten.
Aufbau:
- 1. Betroffenheit ausdrücken: „Mit großer Trauer habe ich erfahren..."
- 2. Persönlich: Eine Eigenschaft/Erinnerung an Verstorbene/n
- 3. Mitgefühl: „Meine Gedanken sind bei Ihnen/dir"
- 4. Optional: Konkretes Hilfsangebot
- 5. Grußformel: „In aufrichtiger Anteilnahme," + Unterschrift
Siehe auch:
4. Digital (E-Mail, WhatsApp, Social Media)
✓ Wann digital OK ist:
- • Bei großer räumlicher Distanz
- • Als erste schnelle Reaktion (Karte folgt)
- • Bei jüngeren Menschen (digital gewohnt)
- • In der engeren Familie (WhatsApp-Gruppe)
✗ Wann besser verzichten:
- • Bei formellen Verhältnissen (Geschäftspartner)
- • Bei älteren Menschen
- • Als einzige Form der Kondolenz
- • Auf öffentlichen Social-Media-Profilen
⚠️ Social Media:
Kondolieren Sie NIEMALS öffentlich auf Facebook/Instagram, es sei denn, die Familie hat dort selbst den Tod bekannt gegeben. Nutzen Sie private Nachrichten!
5. Am Arbeitsplatz
Besonderheiten: Professioneller Kontext, oft nur oberflächliche Bekanntschaft, Kollegen unter Zeitdruck
• Timing:
Beim ersten Wiedersehen: kurz kondolieren, dann normal weiterarbeiten
• Formulierung:
„Mein Beileid zum Verlust. Falls ich etwas tun kann, sag Bescheid." → Kurz & würdevoll
• Don't:
Nicht vor versammeltem Team, nicht mit Detailfragen, nicht über den Tod sprechen (außer Betroffene/r will)
• Langfristig:
Nach 4-6 Wochen mal privat nachfragen: „Wie geht's dir wirklich?" – die meisten vergessen das
Siehe auch: Trauer am Arbeitsplatz
Kondolenz schriftlich ausdrücken?
Nutzen Sie unsere Trauersprüche, Muster und Vorlagen für würdevolle schriftliche Beileidsbekundungen.