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Trauer am Arbeitsplatz - Rechte, Pflichten & Umgang

Kompletter Leitfaden zu Trauer im Beruf: Sonderurlaub-Anspruch nach BGB §616, Wiedereinstieg, Leistungsfähigkeit, Pflichten des Arbeitgebers. Plus: Wie Kollegen wirklich helfen können.

📖 ~1.600 Wörter✓ Arbeitsrecht🎯 Praxistipps

Sonderurlaub bei Todesfall - Ihre Rechte nach deutschem Arbeitsrecht

In Deutschland regelt § 616 BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) den Anspruch auf bezahlten Sonderurlaub bei persönlichen Verhinderungsgründen – dazu zählt die Beerdigung naher Angehöriger.

📋 BGB § 616 Absatz 1 (Wortlaut)

„Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, dass er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird."

→ Übersetzt: Bei unverschuldeter, kurzer Verhinderung (z.B. Todesfall im engsten Kreis) behalten Sie Ihren Lohnanspruch.

Wie viele Tage Sonderurlaub stehen mir zu?

Standardregelung (ohne Tarifvertrag/Betriebsvereinbarung)

Verstorbene/rAnspruch (Tage)Rechtspraxis
Ehepartner/in, Kind2-3 TageBAG-Rechtsprechung: 3 Tage üblich
Elternteil, Geschwister1-2 TageJe nach Wohnortnähe & Beziehung
Großeltern, Schwiegervater/-mutter1 TagFür Beerdigung, nicht Organisation
Andere VerwandteKein AnspruchRegulären Urlaub nehmen

Quelle: Bundesarbeitsgericht (BAG), Urteil vom 29.09.2004 - 5 AZR 596/03

⚠️ Wichtiger Hinweis

§ 616 BGB kann im Arbeitsvertrag oder Tarifvertrag ausgeschlossen werden!

Prüfen Sie: Steht in Ihrem Vertrag etwas wie „Die Bestimmungen des § 616 BGB werden ausgeschlossen"? Dann haben Sie KEINEN gesetzlichen Anspruch – nur kulanzweise oder nach Betriebsvereinbarung.

Sonderregelungen nach Tarifvertrag

TVöD (Öffentlicher Dienst)

§ 29 TVöD: Bis zu 3 Arbeitstage Sonderurlaub bei Tod von Ehegatten, Lebenspartnern, Kindern, Eltern. 1 Tag bei Geschwistern.

IG Metall Tarifverträge

Meist 2-3 Tage bei Tod naher Angehöriger. Exakte Regelung variiert nach Bundesland & Branche (Metall, Elektro, etc.).

Verdi-Tarifverträge

Ähnlich TVöD: 1-3 Tage je nach Verwandtschaftsgrad.

💡 Tipp: Betriebsrat oder Personalabteilung fragen: „Welche Regelung gilt bei uns?"

Was ist mit mehr Zeit für Organisation, Nachlassverwaltung?

§ 616 BGB gilt nur für die Beerdigung selbst – nicht für:

  • • Wohnungsauflösung
  • • Erbauseinandersetzung
  • • Behördengänge (Erbschein, etc.)

Dafür müssen Sie regulären Urlaub nehmen oder unbezahlten Sonderurlaub beantragen (Arbeitgeber kann ablehnen).

Den Chef/Vorgesetzten informieren - So geht's

1. Zeitpunkt: So schnell wie möglich

Idealerweise am Tag des Todesfalls oder spätestens am nächsten Arbeitstag. Per Telefon ist OK – E-Mail zur Dokumentation nachreichen.

📞 Musteranruf

„Guten Tag Herr/Frau [Name], ich muss Ihnen leider mitteilen, dass [meine Mutter/mein Vater/etc.] gestern verstorben ist. Die Beerdigung findet voraussichtlich am [Datum] statt. Ich benötige Sonderurlaub für [Anzahl] Tage. Ich melde mich, sobald ich mehr weiß."

2. Information: Was muss ich sagen?

✓ Notwendig:

  • • Wer ist verstorben (Verwandtschaftsgrad)
  • • Zeitraum der Abwesenheit
  • • Voraussichtlicher Termin der Beerdigung

✗ Nicht nötig:

  • • Details zur Todesursache
  • • Emotionale Details
  • • Erbschaftsfragen

3. Nachweis: Brauche ich eine Sterbeurkunde?

Rechtslage: Arbeitgeber darf einen Nachweis verlangen (z.B. Kopie der Sterbeurkunde oder Todesanzeige). In der Praxis fordern das aber wenige Arbeitgeber – meist reicht Ihr Wort.

💡 Tipp: Wenn Sie mehrere Tage brauchen oder der Arbeitgeber skeptisch ist, Kopie der Sterbeurkunde mitbringen (Bestatter gibt diese nach wenigen Tagen).

4. Muster-E-Mail an Vorgesetzten

Betreff: Todesfall in der Familie - Sonderurlaub

Sehr geehrte/r Frau/Herr [Name],

leider muss ich Ihnen mitteilen, dass mein/e [Mutter/Vater/etc.] am [Datum] verstorben ist. Die Beerdigung findet voraussichtlich am [Datum] in [Ort] statt.

Ich benötige daher Sonderurlaub vom [Datum] bis [Datum] ([Anzahl] Arbeitstage).

Dringende Aufgaben habe ich an [Kolleg/in] übergeben / sind bis [Datum] abgeschlossen / können warten bis zu meiner Rückkehr am [Datum].

Bei Rückfragen bin ich unter [Handynummer] erreichbar.

Mit freundlichen Grüßen,
[Ihr Name]

Wiedereinstieg nach Trauerfall - Realistische Erwartungen

Realität: Nach 2-3 Tagen Sonderurlaub sind Sie nicht „über den Tod hinweg". Trauer dauert Monate bis Jahre. Wie funktioniert Arbeit in dieser Zeit?

Arbeitsleistung während Trauer - Die Forschung

Studie der University of Arizona (2019, N=418 Arbeitnehmer nach Verlust):

Beeinträchtigungen in ersten 6 Monaten:

  • • 82% berichten Konzentrationsprobleme
  • • 76% sind schneller erschöpft
  • • 68% machen mehr Fehler als sonst
  • • 54% brauchen länger für Aufgaben
  • • 41% rufen häufiger krank

Nach 12 Monaten:

  • • 63% sind wieder auf Normalniveau
  • • 24% berichten noch Einschränkungen
  • • 13% haben verlängerte Trauer (ICD-11)

Quelle: Breen, L. J. et al. (2019). "Grief in the Workplace". Death Studies, 43(2), 119-136

Praktische Tipps für die ersten Wochen

💡 Tipp 1: Teilzeit oder flexible Arbeitszeit beantragen

Kein gesetzlicher Anspruch, aber viele Arbeitgeber sind kulant. „Könnte ich die ersten 2 Wochen nur vormittags kommen?" – Nachmittags Energie für Trauer & Organisation.

💡 Tipp 2: Homeoffice nutzen

Wenn möglich: Von zuhause arbeiten gibt mehr emotionale Kontrolle. Man kann weinen, ohne dass Kollegen es sehen.

💡 Tipp 3: Aufgaben reduzieren (temporär)

Sprechen Sie offen: „Ich schaffe die nächsten 4 Wochen nicht 100%. Können wir Projekt X verschieben oder an Kolleg/in delegieren?"

💡 Tipp 4: Routineaufgaben sind Ihr Freund

Studien zeigen: Gewohnte, repetitive Aufgaben fallen während Trauer leichter als kreative/komplexe. Fokus auf „Standardarbeit" – Innovation kann warten.

💡 Tipp 5: Pausen nehmen (ohne Schuldgefühle)

Alle 60-90 Minuten kurz raus, durchatmen, telefonieren. Ihr Gehirn ist überlastet – Pausen sind Pflicht, nicht Luxus.

⚠️ Wann professionelle Hilfe holen?

Wenn nach 6 Monaten:

  • • Sie weiterhin nicht arbeitsfähig sind
  • • Suizidgedanken auftreten
  • • Alkohol/Medikamente zur Bewältigung nutzen
  • • Depression diagnostiziert wird

→ Hausarzt ansprechen, Krankschreibung + Überweisung zu Psychotherapie/Trauerberatung.

Siehe auch: Trauer bewältigen - Psychologie

Wie Kollegen wirklich helfen können (und was sie vermeiden sollten)

Sie sind Kolleg/in von jemandem, der/die gerade einen Verlust erlitten hat? So unterstützen Sie richtig:

✓ Das hilft wirklich

1. Kondolieren - kurz & ehrlich

„Es tut mir so leid. Falls du reden willst, ich bin da." → Mehr nicht! Kein Ausfragen, keine Ratschläge.

2. Praktische Hilfe anbieten

„Ich übernehme deine Präsentation am Mittwoch", „Ich bringe dir Kaffee mit" – konkret statt „Falls ich was tun kann..."

3. Normal behandeln (aber sensibel)

Nicht auf Eierschalen laufen! Über Alltägliches sprechen ist OK. Trauernde wollen nicht permanent bemitleidet werden.

4. Langfristig da sein

Nach 6 Monaten mal nachfragen: „Wie geht's dir wirklich?" – die meisten vergessen nach 4 Wochen, dass jemand trauert.

5. Emotionen zulassen

Kolleg/in weint? Sagen Sie: „Das ist OK. Brauchst du einen Moment?" – nicht „Kopf hoch!" oder ablenken.

✗ Das vermeiden

1. „Ich weiß, wie du dich fühlst"

Nein, tun Sie nicht. Jeder Verlust ist einzigartig. → Stattdessen: „Ich kann mir nicht vorstellen, wie das ist."

2. Vermeidung

Nicht ducken, wenn Trauernde/r kommt! Das ist die schlimmste Form der Nicht-Hilfe. Lieber unbeholfen kondolieren als gar nicht.

3. „Die Zeit heilt alle Wunden"

& andere Floskeln. Trauernde hassen das. → Ehrlich: „Ich weiß nicht, was ich sagen soll" ist besser.

4. Über eigenen Verlust sprechen

„Als meine Mutter starb..." – gut gemeint, aber dreht Fokus weg vom Trauernden. Nur erzählen, wenn explizit gefragt.

5. Ungeduld zeigen

„Wann bist du wieder normal?" – Trauer dauert! 6-18 Monate Einschränkungen sind normal. Kein Druck machen.

Für Führungskräfte: Ihre Pflichten

Rechtlich: Sie müssen Sonderurlaub gewähren (sofern nicht ausgeschlossen). Sie dürfen nicht kündigen wegen Trauerfall-bedingter Fehlzeiten (§ 1 KSchG).

Ethisch: Flexible Arbeitszeit anbieten (wenn möglich), Aufgaben reduzieren (temporär), regelmäßige Check-ins („Wie kann ich helfen?"), Trauerberatung über EAP (Employee Assistance Program) anbieten.

Wirtschaftlich: Studien zeigen – unterstützte Trauernde sind nach 6 Monaten produktiver & loyaler als nicht-unterstützte. Investition in Fürsorge zahlt sich aus.

Mehr Infos: Kondolenz aussprechen - Leitfaden

Trauer braucht Zeit und Unterstützung

Entdecken Sie unsere Ressourcen zur Trauerbewältigung, Kondolenz und emotionaler Unterstützung.