🧠 Psychologie | 18 Min Lesezeit

Trauer bewältigen - Der komplette Psychologie-Leitfaden 2026

Wissenschaftlich fundierter Ratgeber zu den 5 Phasen der Trauer nach Kübler-Ross, 4 Aufgaben nach Worden, und praktische Bewältigungsstrategien basierend auf aktueller Forschung.

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Was ist Trauer? Definition & Abgrenzung

Trauer ist die natürliche psychische, emotionale und physische Reaktion auf den Verlust eines geliebten Menschen. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Heilungsprozess, den jeder Mensch durchläuft.

Wissenschaftliche Definition

Die deutsche Psychologin Verena Kast definiert Trauer als „einen Prozess, in dem der Verlust einer wichtigen Beziehung innerlich verarbeitet wird und eine neue Beziehung zum Verstorbenen aufgebaut wird."

Quelle: Kast, V. (2013). Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz Verlag, Stuttgart.

Trauer vs. Depression: Der Unterschied

Normale Trauer

  • ✓ Bezieht sich auf konkreten Verlust
  • ✓ Wellenförmiger Verlauf (gute & schlechte Tage)
  • ✓ Fähigkeit zur Freude bleibt erhalten
  • ✓ Selbstwertgefühl meist intakt
  • ✓ Besserung über Monate erkennbar

Depression

  • • Allgemeine Gefühlslage, nicht verlustbezogen
  • • Anhaltend gedrückte Stimmung
  • • Freudlosigkeit durchgehend
  • • Geringes Selbstwertgefühl
  • • Keine Besserung ohne Behandlung

Wichtig: In Deutschland sterben jährlich etwa 940.000 Menschen (Statistisches Bundesamt, 2024). Das bedeutet, dass jedes Jahr Millionen von Angehörigen einen Trauerprozess durchlaufen – Sie sind nicht allein.

Die 5 Phasen der Trauer nach Elisabeth Kübler-Ross

Das 5-Phasen-Modell der Schweizer Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross (1969) ist das bekannteste Trauermodell weltweit. Wichtig: Die Phasen verlaufen nicht linear, sondern können sich überlappen, wiederholen oder übersprungen werden.

1️⃣

Nicht-Wahrhaben-Wollen (Verleugnung)

Dauer: Stunden bis Wochen
Typische Reaktionen: „Das kann nicht sein", „Das ist ein Irrtum", emotionale Taubheit

In dieser ersten Phase weigert sich unser Bewusstsein, die Realität des Verlustes zu akzeptieren. Dies ist ein Schutzmechanismus der Psyche, um uns vor Überwältigung zu bewahren.

Praxisbeispiel: Nach dem Tod der Mutter deckt ein Sohn täglich noch ihren Platz am Esstisch. Er „weiß" rational, dass sie tot ist, kann es aber emotional nicht akzeptieren.

2️⃣

Zorn / Wut

Dauer: Wochen bis Monate
Typische Reaktionen: Wut auf Ärzte, Gott, den Verstorbenen, sich selbst

Wenn die Verleugnung nicht mehr aufrechtzuerhalten ist, folgt oft intensive Wut. Die Frage „Warum ich? Warum wir?" steht im Zentrum. Diese Wut ist normal und wichtig – sie zeigt, dass die Realität des Verlustes zu uns durchdringt.

Wichtig: Wut kann sich gegen „unlogische" Ziele richten – gegen das Krankenhauspersonal, das „nicht genug getan hat", gegen Freunde, die „nicht verstehen", sogar gegen den Verstorbenen, der einen „verlassen" hat.

3️⃣

Verhandeln

Dauer: Tage bis Wochen
Typische Gedanken: „Wenn ich nur...", „Hätte ich doch...", Schuldgefühle

In dieser Phase versuchen wir mental, den Verlust rückgängig zu machen. Viele Menschen entwickeln intensive „Was-wäre-wenn"-Szenarien und erleben starke Schuldgefühle.

Religiöse Dimension: Viele verhandeln mit Gott („Wenn du ihn zurückbringst, werde ich..."). Unsere Andachten können in dieser Phase Trost spenden.

4️⃣

Depression / Tiefe Traurigkeit

Dauer: Monate (oft am intensivsten nach 3-6 Monaten)
Typische Symptome: Weinen, Rückzug, Erschöpfung, Sinnlosigkeitsgefühle

Dies ist die tiefste Phase der Trauer. Die volle Realität des Verlustes wird emotional erfasst. Viele berichten von „bodenloser Traurigkeit" und dem Gefühl, nie wieder glücklich sein zu können.

Das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (2022) fand: Die emotionale Belastung erreicht ihren Höhepunkt typischerweise 4-6 Monate nach dem Verlust, nicht unmittelbar danach.

Quelle: Infurna, F. J., & Luthar, S. S. (2022). The multidimensional nature of resilience to spousal loss. Journal of Personality and Social Psychology, 112(6), 926-947.

Passende Trauersprüche können helfen, Gefühle auszudrücken, die sich nicht in Worte fassen lassen.

5️⃣

Akzeptanz / Neuorientierung

Beginn: Nach 6-18 Monaten (individuell sehr unterschiedlich)
Merkmale: Rückkehr der Lebensfreude, neue Routine, innerer Frieden

Akzeptanz bedeutet nicht „darüber hinweg sein" oder den Verstorbenen vergessen. Es bedeutet: Das Leben geht weiter, die Liebe bleibt, aber der Schmerz wird erträglicher.

Neue Beziehung zum Verstorbenen: In dieser Phase entwickeln viele eine „neue" Beziehung zum Verstorbenen – durch Erinnerungen, Rituale, innere Zwiesprache. Der Verstorbene bleibt Teil des Lebens, aber anders.

⚠️ Wichtige Hinweise zum 5-Phasen-Modell

  • Nicht linear: Man „springt" zwischen Phasen hin und her
  • Individuell: Nicht jeder durchläuft alle Phasen
  • Kein Zeitplan: Es gibt keine „normale" Geschwindigkeit
  • Kritik: Neuere Forschung (Bonanno, 2009) zeigt: Nur ~30% verlaufen nach diesem Muster

Die 4 Aufgaben der Trauer nach William Worden

Der amerikanische Psychologe William Worden kritisierte Phasenmodelle als zu passiv und entwickelte ein aufgabenorientiertes Modell. Seine These: Trauernde müssen aktiv „Aufgaben" bewältigen, um den Verlust zu verarbeiten.

Aufgabe 1: Die Realität des Verlustes akzeptieren

Intellectual und emotional begreifen, dass der Mensch tot ist und nicht zurückkehren wird. Dies ist mehr als nur rationales Wissen – es ist emotionales Verstehen.

Wie unterstützen: Beerdigung/Trauerfeier besuchen, über den Tod sprechen, Kondolenzkarten schreiben/lesen. Unsere Kondolenzschreiben-Vorlagen können helfen, Worte zu finden.

Praxis-Tipp: Manche Menschen besuchen das Grab täglich – das ist ein aktives „Üben" dieser Akzeptanz.

Aufgabe 2: Den Trauerschmerz durcharbeiten

Dem Schmerz Raum geben, statt ihn zu unterdrücken. Gesellschaftlicher Druck („Sei stark!") kann diese Aufgabe erschweren.

Wie unterstützen: Gefühle zulassen und ausdrücken – durch Weinen, Gespräche, Tagebuch schreiben, kreative Ausdrucksformen. Liebevolle Trauersprüche können Ventil für Emotionen sein.

Studie: Stroebe & Schut (1999) zeigen: „Dosiertes Trauern" ist gesund – Phasen intensiven Schmerzes + Phasen der Ablenkung abwechseln.

Aufgabe 3: Sich an eine Welt ohne den Verstorbenen anpassen

Neue Rollen übernehmen, neue Routinen entwickeln, Identität neu definieren. Besonders herausfordernd bei langjährigen Partnerschaften.

Drei Dimensionen:

  • Extern: Praktische Aufgaben übernehmen (Finanzen, Haushalt)
  • Intern: Selbstbild anpassen („Ich bin jetzt Witwe/Witwer")
  • Spirituell: Weltbild/Glauben überdenken

Unsere Fürbitten für Beerdigungen adressieren auch diese spirituelle Dimension.

Aufgabe 4: Eine dauerhafte Verbindung zum Verstorbenen finden

Nicht: Den Verstorbenen „loslassen" oder „vergessen".
Sondern: Eine neue Art der Beziehung finden, die das Weiterleben ermöglicht.

Wie das aussehen kann:

  • ✓ Erinnerungsrituale (Jahrestage bewusst gestalten)
  • ✓ Innere Zwiesprache („Was würde Mama dazu sagen?")
  • ✓ Werte/Eigenschaften des Verstorbenen weiterleben
  • ✓ Regelmäßige Grabbesuche als Verbindungsmoment

Unsere Seite Gedenken an Verstorbene bietet Anregungen für solche Rituale.

Worden vs. Kübler-Ross: Was ist besser?

Kübler-Ross beschreibt, was in uns vorgeht (deskriptiv).
Worden beschreibt, was wir tun können (präskriptiv).

Beide Modelle ergänzen sich. In der modernen Trauerbegleitung nutzen Fachleute meist Wordens Aufgaben, weil sie handlungsorientierter sind.

Normale vs. komplizierte Trauer

Die meisten Menschen durchlaufen einen normalen Trauerprozess, der zwar schmerzhaft, aber heilsam verläuft. In 10-20% der Fälle entwickelt sich jedoch eine komplizierte Trauer (auch: anhaltende Trauerstörung), die professionelle Hilfe erfordert.

✓ Normale Trauer

  • • Intensive Traurigkeit kommt in Wellen
  • • Gute und schlechte Tage wechseln sich ab
  • • Allmähliche, spürbare Besserung über Monate
  • • Fähigkeit zur Freude kehrt zurück
  • • Interesse an Zukunft/Plänen entwickelt sich
  • • Soziale Kontakte werden wiederaufgenommen
  • • Erinnerungen werden mit der Zeit weniger schmerzhaft

⚠️ Komplizierte Trauer

  • • Intensive Trauer dauert über 12 Monate unverändert an
  • • Funktionieren im Alltag stark beeinträchtigt
  • • Ständiges Verlangen, den Verstorbenen zurückzuholen
  • • Vermeidung aller Erinnerungen ODER übermäßige Fixierung
  • • Gefühl innerer Leere/Sinnlosigkeit dominiert
  • • Keine Verbesserung über Monate erkennbar
  • • Suizidgedanken oder schwere Depression

📊 ICD-11 Kriterien für „Anhaltende Trauerstörung" (2022)

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führte 2022 erstmals die „Anhaltende Trauerstörung" (Prolonged Grief Disorder) als offizielle Diagnose ein. Kriterien:

  • 1. Verlust liegt mindestens 6 Monate zurück (bei Kindern: 12 Monate)
  • 2. Anhaltende intensive Sehnsucht nach dem Verstorbenen
  • 3. Starke emotionale Belastung (Traurigkeit, Schuldgefühle, Wut)
  • 4. Beeinträchtigung in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Bereichen

Quelle: World Health Organization (2022). ICD-11 for Mortality and Morbidity Statistics. Code: 6B42 Prolonged grief disorder.

Risikofaktoren für komplizierte Trauer

Art des Verlusts

  • • Plötzlicher/unerwarteter Tod
  • • Gewaltvoller Tod (Unfall, Suizid, Mord)
  • • Tod eines Kindes
  • • Mehrfache/kumulative Verluste

Persönliche Faktoren

  • • Frühere psychische Erkrankungen
  • • Abhängige/ambivalente Beziehung zum Verstorbenen
  • • Fehlendes soziales Netz
  • • Traumatische Kindheitserfahrungen

💡 Wann sollte ich professionelle Hilfe suchen?

Kontaktieren Sie einen Trauerbegleiter oder Psychotherapeuten, wenn:

  • • Sie nach 12 Monaten keine Besserung spüren
  • • Sie Ihren Alltag nicht mehr bewältigen können
  • • Suizidgedanken auftreten
  • • Substanzmissbrauch zur Bewältigung eingesetzt wird
  • • Sie sich komplett isolieren

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung (BAT) bietet eine Therapeutenliste: www.bag-trauerbegleitung.de

Wie lange dauert Trauer?

Die häufigste Frage von Trauernden: „Ist das noch normal? Sollte ich nicht längst darüber hinweg sein?" Die Antwort: Es gibt keine „normale" Dauer.

📅 Was sagt die Forschung?

Eine Meta-Analyse von Maciejewski et al. (2007) zu 233 Trauerfällen ergab:

  • Nach 1 Monat: 75% erleben starke Trauer
  • Nach 6 Monaten: 50% erleben noch starke Trauer
  • Nach 12 Monaten: 25% erleben noch starke Trauer
  • Nach 24 Monaten: 10-15% erleben noch starke Trauer

Quelle: Maciejewski, P. K., et al. (2007). An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA, 297(7), 716-723.

Typischer Trauerverlauf (Durchschnittswerte)

0-3 Monate: Akute Trauerphase

Schockzustand, intensive Gefühle, organisatorischer Stress (Beerdigung, Formalitäten). Oft noch durch Erledigungen „beschäftigt". Viel Unterstützung von außen.

3-6 Monate: Intensivste Phase

Oft die schwerste Zeit! Die Realität setzt vollständig ein, Unterstützung nimmt ab, Alltag kehrt zurück. „Erste" ohne den Verstorbenen (Geburtstag, Weihnachten).

6-12 Monate: Stabilisierungsphase

Langsame Anpassung an das neue Leben. Gute und schlechte Tage wechseln sich ab. Erste Momente von echtem Lachen. Schuldgefühle wegen „Verrat" am Verstorbenen.

12-24 Monate: Neuorientierung

Neue Routine etabliert sich. Der Verstorbene wird Teil der persönlichen Geschichte, ohne das Leben zu dominieren. Blick nach vorne möglich.

⏰ Wichtige Zeitpunkte im Trauerjahr

  • 6 Wochen: Oft „Einbruch", wenn Adrenalin nachlässt & Unterstützung abnimmt
  • 3 Monate: Volle Realisation setzt ein
  • 6 Monate: Oft emotionaler Tiefpunkt
  • 1 Jahr: Alle „Ersten" sind durch (Jahrestag, alle Feste)
  • 2 Jahre: Mehrheit hat neue Lebensnormalität gefunden

Das „Trauerjahr" (12 Monate) gilt in vielen Kulturen als Mindestdauer – nicht aus Zufall: Man muss einmal alle Jahreszeiten, Feiertage und Jahrestage ohne den Verstorbenen durchleben.

12 bewährte Bewältigungsstrategien

Diese Strategien basieren auf evidenzbasierter Trauerforschung und werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerbegleitung (BAT) empfohlen:

1. Gefühle zulassen & ausdrücken

Weinen Sie, wenn Ihnen danach ist. Sprechen Sie über Ihre Trauer. Unterdrückte Gefühle verlängern den Trauerprozess.

Hilfsmittel: Trauersprüche können Gefühle in Worte fassen

2. Soziale Unterstützung suchen

Isolation verschlimmert Trauer. Trauergruppen, Einzelgespräche mit Freunden, professionelle Begleitung – alles hilft. Studien zeigen: Soziale Bindung = wichtigster Schutzfaktor.

Ressource: Suchen Sie nach „Trauergruppe" + Ihrem Ort

3. Rituale & Erinnerungen pflegen

Schaffen Sie bewusste Momente des Gedenkens: Grabbesuche, Kerzen anzünden, Jahrestage gestalten. Rituale geben Struktur und Verbundenheit.

Ideen: Gedenken an Verstorbene

4. Körperliche Aktivität

Bewegung reduziert nachweislich Depressionssymptome und verbessert Schlaf. Schon Spaziergänge wirken. Studien: 3x/Woche 30 Minuten = signifikante Verbesserung.

Quelle: Stanton et al., 2015, Health Psychology Review

5. Tagesstruktur beibehalten

Auch wenn es schwerfällt: Aufstehen, essen, schlafen zu festen Zeiten. Struktur gibt Halt, wenn emotional alles wankt. Kleine Ziele setzen.

6. Spiritualität & Sinnsuche

Für viele ist Glaube eine wichtige Ressource. Gebet, Gottesdienste, spirituelle Texte können Trost spenden und Sinn vermitteln.

Spirituelle Impulse: Tägliche Andachten

7. Tagebuch schreiben

Expressives Schreiben über Gefühle und Erinnerungen hilft bei der Verarbeitung. Studien (Pennebaker): 15 Min/Tag über 4 Wochen = messbare psychische Entlastung.

8. Kleine Freuden erlauben

Es ist kein Verrat, zu lachen oder Freude zu empfinden. Der Verstorbene würde wollen, dass Sie leben. Schuldgefühle sind normal, aber unbegründet.

9. Jahrestage planen

Der Todestag, Geburtstag des Verstorbenen, Weihnachten – planen Sie im Voraus, wie Sie diese Tage verbringen. Mit wem? Wo? Welches Ritual?

10. Geduld mit sich selbst

Trauer ist Arbeit und braucht Zeit. Rückfälle sind normal. Auch nach guten Wochen kann eine Welle intensiver Trauer kommen – das ist Teil des Prozesses.

11. Erinnerungsstücke integrieren

Fotos, Schmuck, Kleidung des Verstorbenen – finden Sie einen guten Mittelweg zwischen „Alles wegwerfen" und „Alles als Shrine erhalten". Integrieren, nicht fixieren.

12. Professionelle Hilfe bei Bedarf

Trauerbegleitung, Therapie (besonders: Traumafokussierte KVT), Selbsthilfegruppen. Wartezeiten bedenken – früh informieren!

BAT-Therapeutenliste: bag-trauerbegleitung.de

Das Dual Process Model (Stroebe & Schut)

Moderne Trauerforschung empfiehlt einen oszillierenden Ansatz:

  • Verlust-orientiertes Coping: Trauer zulassen, weinen, erinnern
  • Restaurations-orientiertes Coping: Ablenkung, neue Aktivitäten, Zukunft planen

Beide sind wichtig! Pendeln Sie zwischen Trauer-Arbeit und Ablenkung. Wer nur trauert ODER nur verdrängt, hat es schwerer. Der gesunde Weg: Beides abwechselnd.

Wann professionelle Hilfe suchen?

🚨 Alarm-Signale, bei denen Sie SOFORT Hilfe suchen sollten:

  • Suizidgedanken oder konkrete Suizidpläne
  • • Völlige Unfähigkeit, Alltag zu bewältigen (nicht essen, nicht schlafen, nicht arbeiten)
  • • Substanzmissbrauch (Alkohol, Medikamente, Drogen) zur Betäubung
  • • Halluzinationen, Wahnvorstellungen, Psychose-Symptome
  • • Selbstverletzung oder Vernachlässigung (nicht essen, nicht trinken)

24/7 Krisentelefone Deutschland:

Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 (kostenfrei)
Muslimisches Seelsorgetelefon: 030 44 35 09 821
Kinder-/Jugendtelefon: 116 111

Nicht-akute Signale für professionelle Unterstützung:

Zeitliche Kriterien

  • • Nach 12 Monaten keine Besserung erkennbar
  • • Intensität der Trauer nimmt zu statt ab
  • • Nach anfänglicher Besserung erneute Verschlechterung

Funktionale Kriterien

  • • Arbeitsunfähigkeit über Monate
  • • Kompletter Rückzug aus sozialem Leben
  • • Vernachlässigung von Kindern/Verpflichtungen

Emotionale Kriterien

  • • Anhaltende schwere Depression
  • • Intensive Schuldgefühle oder Selbstvorwürfe
  • • Keine positiven Emotionen mehr möglich

Arten professioneller Unterstützung:

Trauerbegleitung

Für: Normale Trauer, die Unterstützung braucht

Anbieter: Kirchengemeinden, Hospize, zertifizierte Trauerbegleiter (BAT)

Kosten: Oft kostenlos oder Spendenbasis

Psychotherapie

Für: Komplizierte Trauer, Co-Morbidität (Depression, Angst)

Methoden: Kognitive Verhaltenstherapie, EMDR, Traumatherapie

Kosten: Krankenkasse übernimmt (bei Bedarf)

Selbsthilfegruppen

Für: Austausch mit anderen Betroffenen

Anbieter: AGUS (Suizid), VEID (verwaiste Eltern), lokale Gruppen

Kosten: Meist kostenfrei

🔍 Wie finde ich Hilfe?

Häufig gestellte Fragen (FAQ)

Ist es normal, nach 2 Jahren noch zu trauern?

Ja, absolut. Trauer hat keine Verfallsdatum. Studien zeigen: 10-15% aller Trauernden haben auch nach 2 Jahren noch intensive Trauerphasen. Besonders bei Verlust von Kindern, Partnern oder bei traumatischen Verlusten ist längere Trauer die Regel, nicht die Ausnahme. Wichtig ist: Gibt es eine Tendenz zur Besserung? Können Sie zeitweise Freude empfinden? Wenn ja, ist Ihr Prozess gesund, auch wenn er lange dauert.

Kann man falsch trauern?

Nein. Jeder trauert anders. Manche weinen viel, andere gar nicht. Manche ziehen sich zurück, andere stürzen sich in Aktivität. Es gibt keinen „richtigen" Weg.Problematisch wird es nur, wenn Bewältigungsstrategien schädlich sind (Substanzmissbrauch, komplette Isolation, Selbstverletzung) oder wenn die Trauer das Leben über Jahre komplett blockiert.

Was ist der Unterschied zwischen Trauer und Depression?

Hauptunterschiede: (1) Trauer bezieht sich auf einen konkreten Verlust, Depression ist allgemeine Gefühlslage. (2) Bei Trauer bleibt das Selbstwertgefühl meist intakt, bei Depression ist es niedrig. (3) Trauer verläuft wellenförmig mit guten und schlechten Tagen, Depression ist anhaltend gedrückt. (4) Trauer bessert sich meist von selbst über Monate, Depression nicht ohne Behandlung. ABER: Trauer kann eine Depression auslösen – etwa 40% aller Trauernden entwickeln depressive Symptome.

Sollte man Kinder zur Beerdigung mitnehmen?

Ja, in der Regel schon – aber altersgerecht vorbereitet. Studien zeigen: Kinder, die an Abschiederitualen teilnehmen, verarbeiten den Verlust besser. Sie sollten aber nie gezwungen werden. Ab 3-4 Jahren können Kinder verstehen, dass jemand tot ist (auch wenn sie den Tod selbst noch nicht begreifen). Wichtig: Vorher erklären, was passiert, eine Vertrauensperson zur Seite stellen, die nur für das Kind da ist, und dem Kind erlauben, jederzeit rauszugehen. Mehr dazu in unserem Artikel zur Trauerbewältigung bei Kindern.

Wann sollte man nach einem Todesfall wieder arbeiten gehen?

Das ist sehr individuell. Rechtlich: In Deutschland gibt es Sonderurlaub bei Tod naher Angehöriger (1-3 Tage je nach Verwandtschaftsgrad). Viele nehmen zusätzlich Urlaub oder lassen sich krankschreiben. Psychologisch: Manche hilft Arbeit als Struktur und Ablenkung, andere können sich nicht konzentrieren. Als Faustregel: Mindestens 1 Woche für Beerdigung und erste Akutphase. Danach schrittweise Rückkehr (Teilzeit, Gleitzeit). Bei Partnerverlust: Deutsche Durchschnitt ist Rückkehr nach 2-4 Wochen. Wichtig: Mit Arbeitgeber offen reden. Mehr in unserem Artikel Trauer am Arbeitsplatz.

Ist es Verrat am Verstorbenen, wenn ich wieder lache oder eine neue Beziehung eingehe?

Nein, absolut nicht. Das ist ein sehr häufiges Schuldgefühl, aber es ist unbegründet. Der Verstorbene würde wollen, dass Sie weiterleben, Freude empfinden und glücklich sind. Eine neue Beziehung „ersetzt" nicht die alte – man kann mehrere Menschen gleichzeitig lieben. Bei Verwitweten: Studien zeigen, dass Menschen, die eine neue Partnerschaft eingehen, oft mehr trauern (nicht weniger), weil sie emotional gesünder sind. Typische Zeitrahmen für neue Beziehungen: Nach 1-3 Jahren fühlen sich die meisten bereit. Aber: Jeder in seinem Tempo.

Hilft eine Therapie bei Trauer wirklich?

Ja, bei komplizierter Trauer sehr effektiv. Meta-Analysen (Currier et al., 2008) zeigen: Bei normaler Trauer ist Therapie nicht immer hilfreicher als Selbsthilfe oder Zeit. ABER: Bei komplizierter Trauer ist spezifische Trauertheraphie hocheffektiv (70-80% Verbesserung). Besonders wirksam: Komplikierte-Trauer-Therapie (CGT), Traumafokussierte KVT, EMDR bei traumatischen Verlusten. Wichtig: Spezialisierte Therapeuten suchen, nicht jeder Psychotherapeut ist in Trauerarbeit geschult.

Quellen & weiterführende Literatur

Wissenschaftliche Quellen

  • • Kübler-Ross, E. (1969). On Death and Dying. Macmillan, New York.
  • • Worden, J. W. (2018). Grief Counseling and Grief Therapy (5th ed.). Springer, New York.
  • • Kast, V. (2013). Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses. Kreuz Verlag, Stuttgart.
  • • Stroebe, M., & Schut, H. (1999). The dual process model of coping with bereavement. Death Studies, 23, 197-224.
  • • Maciejewski, P. K., et al. (2007). An empirical examination of the stage theory of grief. JAMA, 297(7), 716-723.
  • • Bonanno, G. A. (2009). The Other Side of Sadness. Basic Books, New York.
  • • Infurna, F. J., & Luthar, S. S. (2022). The multidimensional nature of resilience to spousal loss. Journal of Personality and Social Psychology, 112(6), 926-947.
  • • World Health Organization (2022). ICD-11: Prolonged grief disorder (6B42).

Deutsche Fachorganisationen

Leseempfehlungen

  • • Verena Kast: „Trauern: Phasen und Chancen des psychischen Prozesses"
  • • Roland Kachler: „Meine Trauer wird dich finden! Ein neuer Ansatz in der Trauerarbeit"
  • • Chris Paul: „Neue Wege in der Trauer- und Sterbebegleitung"

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